Das Experiment von Wörgl
Inhaltsangabe:
Die Ausgangslage
Das Experiment
Die Ergebnisse
Die Ausgangslage
Das Jahr 1932 war gekennzeichnet durch zwei, alles andere überschattende, Themen. Die Weltwirtschaftskrise und die politischen Spannungen. Jedes für sich schon ein schwieriges Thema, zusammen jedoch ein sich gegenseitig verstärkender Prozess.
Ökonomisch war die Lage zu Beginn 1932 trostlos. Nach dem Börsenkollaps hatte sich eine Wirtschaftskrise entfaltet die an Intensität alles bisher dagewesene in den Schatten stellte. Die enorme Verschuldung, sowohl durch den I. Weltkrieg, als auch durch die goldenen 20er, hatte zu einem Deflationären Schock geführt. Dadurch wurde Geld immer mehr wert, da es weniger ausgegeben wurde. Man lieh Geld nur ungern aus, da die Unsicherheit sehr hoch war und nicht sicher sein konnte sein Geld je wieder zu sehen. Kurz gesagt, dass Vertrauen in das Währungssystem war zerstört. Dies führte zu einem Vertrauensverlust in die Wirtschaft wie in die etablierte Politik gleichermaßen. Die Wirtschaft konnte alleine nicht aus dieser Misere herausfinden und die Politik war unfähig Normalität herstellen zu können.
Kein Wunder also wenn der Extremismus immer weiter zunahm. Da die Menschen Hunger, Kälte und Krankheit leiden mussten verschärfte sich die Situation weiter.
Wie im ganzen Land, so stellte sich auch die Situation im Tiroler Wörgl dar. Die Gemeinde hatte damals knapp über 4.000 Einwohner und über 350 Arbeitslose. Gleichzeitig hatte sie auch noch fast 1.3 Mio. Schilling Schulden, für damals eine horrende Summe.
Und auch politisch war Wörgl ein Paradebeispiel für die Lähmung der damaligen Zeit. Bei den letzten Wahlen waren Rote und Schwarze gleich stark im Gemeinderat vertreten. Nach langem Hin und Her hatte man sich darauf verständigt, dass abwechselnd ein Kandidat aus dem Bürgerlichen und aus dem Sozialdemokratischen Lager den Bürgermeister stellen sollte.
In dieser Notsituation wurde 1931 Michael Unterguggenberger als Vertreter der Roten neuer Bürgermeister von Wörgl.
Unterguggenberger hatte nicht einerseits den Vorteil als Arbeiterkind die Seite der Arbeitnehmer und über seine zweite Frau Rosa auch die Seite der Arbeitgeber gut zu kennen, sondern war auch schon längere Zeit ein großer Freund sozialreformerischer Ideen. So stieß er auch auf die Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell.
Bereits 1931 reiste er in das bayrische Schwanenkirchen wo schon ein erster Versuch eines Freigeldes unternommen worden war. Kurz nach Unterguggenbergers Besuch wurde dieser erfolgreiche Versuch von der Deutschen Reichsbank untersagt.
1932 waren die Ideen und die Vorbereitung soweit gereift, dass der Bürgermeister der Gemeinde den Vorschlag der Einführung eines Schwundgeldes vorzulegen. Und siehe da, trotz aller Differenzen zwischen Bürgerlichen und Sozialdemokraten wurde der Vorschlag einstimmig angenommen. Für die damalige Zeit, nicht einmal ein Jahr vor der Errichtung des Ständestaates, nicht selbstverständlich!
Das Experiment:
Am 5. Juli 1932 begann die Ausgabe der „Arbeitswertscheine“ die mit echten Schilling gedeckt waren. Der wohl entscheidende Punkt war, dass man seine Steuern damit bezahlen konnte. Dadurch braucht man nicht zwingend zwei Währungen im Ort, es reicht für alles eine einzige. Ausgegeben wurden die Scheine an die Gemeindebediensteten und an Arbeiter die Arbeiten für die Gemeinde verrichteten. Zuerst erhielten sie ½, später ¾ ihres Gehalts in Form von Scheinen.
Wie oben erwähnt, gab es damals eine Deflation, dass Geld zirkulierte nicht. Um das zu bewirken wurden die Wertscheine mit einem Wertverlust belegt. Am Ende des Monats musste man ein Marke im Wert von 1% kaufen und auf den Schein kleben, sonst verlor er seinen Wert. Nach 12 Monaten und 12 Marken wurden die Scheine gegen neue getauscht und alles begann von vorne. Dadurch war der Anreiz entstanden, dass Geld nicht zu horten sondern auszugeben.
Tatsächlich führte es dazu, dass die Steuern pünktlicher und auch die Steuerrückstände zügig bedient wurden, wodurch zunächst die Einnahmen der Gemeinde deutlich anstiegen. So konnte nun die Gemeinde laufend neue Arbeiten in Auftrag geben da es zu einem konstanten Einnahmenfluss kam. Die nun sinkende Zahl der Arbeitslosen führte zu mehr Konsum was ebenfalls die Steuereinnahmen erhöhte und die Gemeinde weiter entlastete.
Ob es auch zu einer Steigerung der Investitionen bei Händlern und Firmen geführt hätte ist schwer zu sagen. Bereits im Mai ´33 wurde die weitere Ausgabe der Scheine durch die Bezirkshauptmannschaft untersagt. Im September wurde das Experiment auch gerichtlich untersagt.
Dabei muss man zwei Punkte beachten. Zum einen die Akzeptanz der Scheine und zum anderen den politischen Druck.
Ironischerweise war es die Akzeptanz der Scheine die dem Experiment das Genick brach. Das Verwaltungsgericht entschied, dass, eben durch die Akzeptanz, die Wertscheine zwar als Gutschein gedacht, in der Wirklichkeit jedoch als ein Geldersatz funktionierten. Deshalb verstoße das Experiment gegen das Notenbankgesetz.
Daneben gab es auch enormen politischen Druck. Wegen der Wirtschaftskrise war Österreich auf Kredite des Völkerbunds angewiesen. Um die strengen Auflagen erfüllen zu können musste auch sichergestellt sein, dass der Schilling stabil blieb. Da bereits 200 Gemeinde Interesse an den Wertscheinen bekundet hatten und die Nachbargemeinde Kirchbichl ebenfalls mit der Ausgabe solcher Wertscheine begonnen hatte (die Scheine galten dann in beiden Gemeinden!), sah man die Dominanz des Schilling und damit die Völkerbundanleihe gefährdet.
Bemerkenswerterweise wurde Unterguggenberger auch von seinen Genossen im Stich gelassen. Im Gegenteil, diese hatten ihn öfters ermahnt das Experiment sein zu lassen. Die Begründung?
Das stehe nicht im Einklang mit dem Parteiprogramm!
Die Ergebnisse
Obgleich das Experiment nur kurz dauerte, so sind seine Ergebnisse doch recht beachtlich. Während in Österreich die Arbeitslosigkeit immer weiter stieg, fiel sie in Wörgl um ca. 1/4. Es konnten durch die Scheine eine Brücke, eine Skisprungschanze (die es immer noch gibt) und eine asphaltierte Hauptstraße gebaut werden. Auch diverse Ausbesserungsarbeiten an Straßen, Wegen und Gebäuden konnten nun finanziert werden.
Ob es zu einer dauerhaften Verbesserung gekommen wäre ist nicht zu entscheiden. Das größte Problem der Gemeinde war ja die enorme Verschuldung. Und diese blieb während des Experiments unberührt. Da die Scheine allerdings nur ein ¾ Jahr lang ausgegeben wurden, ist es nicht möglich weiter reichende Aussagen zu treffen.
Was jedoch auffällt ist der krasse Entwicklungsunterschied Wörgls im Vergleich zum Rest des Landes. Während dem Experiment ging es im Ort aufwärts und die Bürger hatten neuen Mut gefasst. Mit Beendigung des selben, kehrten Not und Elend wieder zurück und Wörgl teilte das weitere Schicksal Österreichs.
Literatur- und Weblinkverzeichnis:
Broer, Wolfgang; Schwundgeld. Bürgermeister Michael Unterguggenberger und das Wörgler Währungsexperiment 1932/ 33; Studien Verlag. Innsbruck 2007.
Gesell, Silvio; Natürliche Wirtschaftsordnung; Verlag Genossenschaft Freiwirtschaftlicher Schriften. 8. Auflage. Bern 1938.
https://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/schmitt/text6.htm
https://heimat.woergl.at/verschiedenes/freigeld-woergl